Die Natur als Vorbild
Unsere aktuelle Welt ist geprägt von Polykrisen, Unsicherheiten und Komplexität: Klimakrise, Überschreitung der planetaren Grenzen, geopolitische Unsicherheiten, Erosion der demokratischen Grundfeste.
Werfen wir einen Blick in die Natur, sehen wir, dass sie Krisen als Chance sieht. Sie meistert seit fast 4 Milliarden Jahren vieles: übersteht Krisen, bringt neue Vielfalt hervor und wächst weiter. Für sie ist Anpassung an Unsicherheiten, Komplexität und Probleme kein Ausnahmezustand, sondern das Grundprinzip, nach dem sie funktioniert. (Quelle: Buch „Nature Inc.“ von Gudrun Happich).
Gerade für den Nachhaltigkeitsbereich lohnt sich da ein genauerer Blick. Du kennst die hohe Volatilität und Unsicherheit nur zu gut: vom Hype der Nachhaltigkeit über Regulatorik-Fokus hin zu ständig wechselnden Rahmenbedingungen und Verlust von gesellschaftlicher Relevanz. Nachvollziehbar, dass dich das auch mal frustriert, gerade weil dir das Thema selbst so am Herzen liegt.
In diesem Artikel findest du zwei aktuelle typische Alltagsherausforderungen im Nachhaltigkeitsbereich, bei denen Prinzipien der Natur dir einen neuen und vielleicht hilfreichen Blick geben können, damit du einen besseren Umgang und eine gute Haltung zu den Herausforderungen bekommst.
Jobs im Bereich CSR?
Jobs im Bereich CSR?
Wenn sich die Spielregeln ständig ändern
Du kannst vermutlich ein Lied davon singen: ständig neue Regelungen oder Änderungen bei bestehenden Vorschriften: CSRD, Omnibus, jetzt EmpCo und PPWR. Laut dem aktuellen „Sustainability People Pulse“ Report vom Sommer 2026 wird die regulatorische Unsicherheit mit 33,5 Prozent als größte aktuelle Herausforderung von Nachhaltigkeitsverantwortlichen gesehen. Das ist ein Wachstum von 9 Prozentpunkten gegenüber dem 1. Quartal. Gerade die Verschiebung in der Regulatorik (EmpCo, PPWR, EUDR, CSRD-Nachfolge) wird als Hauptbelastung genannt.
Deine berechtigte Sorge: die steigende Arbeitslast, weil Bestehendes neu gedacht werden muss, während Neues schon wieder ansteht.

Die Eiche
Werfen wir nun einen Blick in die Natur und zwar auf die Eiche: ein Baum, der in der Forstwirtschaft als Hoffnungsträger für den klimaresilienten Wald gilt.
Den Stress, dem unsere Wälder ausgesetzt sind, kennst du: längere Hitzeperioden mit Dürre, Stürme und heftige Regenfälle. Das bedeutet immer neue Herausforderungen und mangelnde Vorhersehbarkeit, was wirklich eintritt. Was der Eiche dabei hilft:
- ein tief reichendes Wurzelsystem, das noch Grundwasser erreicht, wenn andere Bäume längst vertrocknen. Außerdem können sie zusätzlich symbiotische Beziehungen zu Pilzen nutzen, um Nährstoffe und Wasser effizienter aufzunehmen.
- Eine hohe Regenerationsfähigkeit: Verliert die Eiche durch Spätfrost, Dürre oder Insektenfraß ihre Blätter, kann sie im selben Jahr noch einmal neu austreiben (den sogenannten Johannistrieb). Geht sogar der ganze Stamm verloren, etwa durch Sturmbruch, kann aus dem verbliebenen Stumpf komplett neu ausgetrieben werden (Stockausschlag).
Eichen sind jedoch keine unbesiegbaren Bäume: auch sie zeigen sichtbare Schäden in warm-trockenen Regionen, verfügen aber über mehr Reserven als andere Baumarten, um diese Herausforderungen zu überstehen.
Was dieses Beispiel zeigt:
Es geht nicht darum, eine Krise unbeschadet zu überstehen oder Stärke vorzuspielen. Was zählt ist, dass du weißt, worauf du zurückgreifen kannst, wenn es hart wird. Und falls etwas mal ganz hinfällig wird, die Kraft und Motivation zu haben, neu anzusetzen, statt aufzugeben. Natürlich gelingt das immer leichter, wenn das Umfeld unterstützend wirkt, statt zu bremsen, aber der erste Schritt ist immer die eigene Widerstandskraft. Das ist die Grundlage für Wirksamkeit.
Was das Beispiel konkret für dich bedeutet:
Lass uns diese beiden Eigenschaften der Eiche auf dich übertragen:
- Die "Wurzeltiefe" sind deine Netzwerke, Erfahrungen, Fachwissen, Stärken. Alles, worauf du in schwierigen Phasen zurückgreifen kannst. Kontinuierliches Lernen und aktive Netzwerkarbeit (innerhalb und außerhalb des Unternehmens) können dich stärken.
- Die "Regenerationsfähigkeit" zeigt sich auf zwei Arten. Zum einen im Alltag: Wie gut kannst du geänderte Rahmenbedingungen akzeptieren und mit einem Lösungsfokus schnell nach vorne schauen, anstatt dich lange über Dinge aufzuregen, die du ohnehin nicht ändern kannst. Zum anderen dann, wenn wirklich etwas verloren geht, z.B. ein Projekt, eine Strategie, ein mühsam erarbeiteter Bericht, der durch neue Regeln plötzlich hinfällig wird. Genau wie die Eiche aus dem verbliebenen Stumpf komplett neu austreiben kann, lässt sich auch aus dem, was von einem gescheiterten Vorhaben bleibt (z.B. Erfahrung, Kontakte, Gelerntes), oft etwas Neues aufbauen.
Vielleicht helfen dir diese Fragen zur Reflexion:
- Denke z.B. an eine regulatorische Änderung, die dich getroffen hat. Welche Stärken oder Kontakte haben dir geholfen, damit umzugehen?
- Welche Stärken, Fähigkeiten hast du zusätzlich, auf die du zurückgreifen kannst?
- Hast du genug davon oder musst du dir bewusst noch „Wurzeltiefe“ aufbauen? Was könnte dann ein erster Schritt sein?
- Was von dem, was gerade verloren geht oder nicht mehr gilt, könnte dir trotzdem eine hilfreiche Grundlage für einen Neuanfang sein?
- Ab wann würdest du es merken, wenn deine Belastungsgrenze erreicht ist? Was würdest du dann konkret tun?
Wichtig für dich: Dass etwas gerade schwer ist oder dass die Herausforderungen Spuren hinterlassen, heißt nicht, dass du nicht widerstandsfähig genug bist. Vielleicht hilft dir der Gedanke, dass Veränderungen passieren und dass auch aus Rückschlägen Neues wachsen kann.
Wirken, auch wenn das Signal von oben fehlt
"Gerade die letzten 1,5 Jahre hast du sicher gespürt, dass die Relevanz und Akzeptanz von Nachhaltigkeit abgenommen hat: reduzierte Budgets, Jobs, die auf der Kippe standen, und ein spürbarer Rückgang beim Commitment aus dem Management.
Die Arbeit bleibt dennoch: Regulatoriken müssen erfüllt werden. Und auch wenn der Rückenwind von oben fehlt, willst du das Thema auch ohne Signal von oben weitertreiben, auch wenn es nicht einfach ist.
Vielleicht hilft dir das folgende Beispiel aus der Natur, um das Potenzial des „leisen Wirkens“ zu erkennen.

Stigmergie bei den Termiten
Termitenvölker aus Afrika bestehen aus bis zu 2-3 Millionen Tieren. Sie bauen meterhohe Nester, sogenannte „Kathedralenhügel“ mit einem Gewicht von über 20 kg. Dabei hat keine einzige Termite im Kopf, wie am Ende das fertige Nest aussehen soll. Auch gibt es keine Bauanleitung oder geplante Arbeitsteilung mit klaren Absprachen. Jede Termite handelt ausschließlich aufgrund lokaler Informationen – also basierend auf dem, was sie in ihrer unmittelbaren Umgebung wahrnimmt. Es gibt keine zentrale Steuerung oder Bauanleitung.
Der Mechanismus, den die Forschung inzwischen gut verstanden hat: Jede Termite trägt ein Klümpchen feuchte Erde herbei – vermischt mit ihrem eigenen Speichel oder Kot – und versieht es dabei mit einem Pheromon. Dieser Duftstoff wirkt wie ein unsichtbarer Wegweiser: Andere Termiten werden von ihm angezogen und platzieren ihr eigenes Erdklümpchen bevorzugt in der Nähe der bereits duftmarkierten Stelle. Dadurch verstärkt sich die Duftspur an genau dieser Stelle noch weiter. Das wiederum zieht noch mehr Termiten an und es entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf, aus dem nach und nach komplexe Strukturen wie Säulen, Bögen, Tunnel und Kammern entstehen.
Was dieses Beispiel zeigt:
Wirkung entsteht auch ohne zentrales Steuerungssignal von oben. Sie entsteht dadurch, dass erste sichtbare Spuren gelegt werden, an die andere anknüpfen können. Es ist nicht nötig, alle Schritte selbst weiterzuführen. Bestimmte Handlungen können als Impulse dienen, die andere aufgreifen und weiterführen.
Was das Beispiel konkret für dich bedeutet:
Wenn wir uns das Vorgehen der Termiten anschauen, könntest du es wie folgt auf deine Arbeit übertragen:
- „Spuren setzen“: Das können kleine, sichtbare Veränderungen sein, die dein Umfeld wahrnimmt. Vielleicht kannst du kleine Dinge in die Kernprozesse des Unternehmens integrieren: eine neue Kennzahl oder ganz bewusst einige relevante Fragen an Fachabteilungen. Viele Nachhaltigkeitsverantwortliche bringen das Thema gezielt über die Fachabteilungen und Kernprozesse voran, statt auf große Signale von oben zu warten. So entsteht Wirkung, auch ohne zentralen Rückenwind.
- „Fehlender Gesamtplan“: Es ist verständlich und lobenswert, dass du als Nachhaltigkeitsmanager:in gerne das Große Ganze im Blick hast – schließlich möchtest du viel bewegen. Doch es kann manchmal schon reichen, wenn sich viele kleine, unscheinbare Beiträge summieren, ohne dass jemand den Gesamtplan kennen oder koordinieren muss.
Aber auch hier der ehrliche Blick: Dieses Prinzip funktioniert nur, solange die Spuren nicht aktiv entfernt oder ignoriert werden. Wird jede nachhaltige Maßnahme auf Leitungsebene blockiert, hilft auch das leiseste Wirken nicht weiter. Dieses Problem braucht dann einen anderen Umgang.
Hier musst du für dich die Frage beantworten: Kann und will ich das akzeptieren und meinen Job unter diesen Umständen zufriedenstellend ausüben? Falls nicht, könnte das ein Signal sein, dass du entweder mehr Unterstützung brauchst oder neue Wege gehen musst.
Vielleicht helfen dir diese Fragen zur Reflexion:
- Welche kleinen, sichtbaren Spuren habe ich in meinem Arbeitsumfeld schon hinterlassen, auf die andere bereits reagiert haben, ohne dass es mir bewusst war?
- Wo warte ich gerade auf ein großes Signal, obwohl schon eine kleine, sichtbare Veränderung reichen würde, damit andere anknüpfen können?
- Wird mein Thema bei uns eher ignoriert oder aktiv blockiert – und was würde das für meinen nächsten Schritt bedeuten? Könnte ich z.B. Verbündete suchen, meine Strategie anpassen oder mich nach neuen Herausforderungen umsehen?
Wichtig für dich: Wenn gerade nichts sichtbar in Bewegung zu sein scheint, heißt das nicht, dass du zu leise oder zu wenig wirksam bist. Keine einzelne Termite sieht das fertige Nest voraus, sie hinterlässt trotzdem ihre Spur.
Natur als Lehrmeisterin
Die Natur hält unzählige Prinzipien bereit, die sich auf Führung, Kooperation und Krisenbewältigung übertragen lassen. Die beiden Beispiele in diesem Artikel zeigen nur einen kleinen Ausschnitt. Wenn du tiefer einsteigen möchtest, empfehle ich diese Literatur:
- „Nature Inc. – Das erfolgreichste Unternehmen der Welt“ von Gudrun Happich
- „Doing Things Like Nature“ von Susanne Preiss und Christine Ziegelmayer
Oder du lässt dich selbst von ihr inspirieren. Gehe einfach mal mit einem Thema, das dich beschäftigt, in die Natur. Nimm dir Zeit, entspanne dich und beobachte dann mit Aufmerksamkeit die Natur und nimm ihre Symboliken wahr. Wenn du offen dafür bist, wirst du wertvolle Impulse und neue Perspektiven erkennen.
Falls dir das schwerfällt, kann Coaching in der Natur helfen. Dabei wird die Natur nicht nur als Kulisse genutzt, sondern als konkreter Erfahrungsraum: ihre Fähigkeit zur Stressreduktion ist eine gute Grundlage für Coachingthemen, und mit ihren Metaphern dient sie regelrecht als Co-Coach. Hier kannst du mehr über ein Einzelcoaching in der Natur erfahren: www.christiane-kaiser.de/naturcoaching
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